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Suchtprävention und Migration

Gespräch mit Kay Osterloh von Mudra - Alternative Jugend- und Drogenhilfe e.V. zum Thema "Suchtprävention und Migration"

Kay Osterloh
mudra - Alternative Jugend- und Drogenhilfe e.V.

Durch die mediale Darstellung erhält man den Eindruck, dass es insbesondere bei jugendlichen Migrant(inn)en überdurchschnittlich häufig zu Suchtmittelmissbrauch mit gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt. Hält dieser Eindruck der Realität stand?

Die Realität sieht so aus, dass der Anteil von migrantischen Konsument(inn)en von Suchtmitteln in etwa dem jeweiligen Bevölkerungsanteil entspricht. Die Migrationsforschung geht davon aus, dass Migration massive Belastungen für die Betroffen darstellt und natürlich auch zu Missbrauch von Suchtmitteln als Kompensation führen kann, aber nicht muss. Indem die Medien Vorurteile schüren und fremdenfeindliche Erwartungshaltungen der Rezipienten bedienen, fungieren sie oft selbst als Produzenten von Stereotypen und Stigmatisierungen.

Wie gut ist das muttersprachliche Beratungs- und Präventionsangebot für junge Migrant(inn)en in Deutschland mittlerweile organisiert und institutionalisiert?

Das muttersprachliche Beratungs- und Präventionsangebot ist bei weitem noch nicht so gut ausgebaut wie dies wünschenswert wäre. Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) hat deshalb ein bundesweites Modellprojekt mit dem programmatischen Titel „Abbau von Zugangsbarrieren zum Suchthilfesystem von Menschen mit Migrationshintergrund" ausgeschrieben. Von über 50 teilnehmenden Institutionen wurden 6 Einrichtungen ausgewählt, u.a. die mudra Drogenhilfe mit ihrem Modellprojektantrag „Abbau von Zugangsbarrieren zum Drogenhilfesystem für sozioökonomisch integrierte Migrant(inn)en". Dieses Projekt wendet sich auch an jugendliche Migrant(inn)en aus der Ex-Sowjetunion, der Türkei und Italien.

Welche konkreten Präventionsangebote bieten Sie im Rahmen Ihrer Arbeit speziell für junge Migrant(inn)en an?

Es werden Infoveranstaltungen an Schulen, Ausbildungseinrichtungen, Migrationsdiensten, Übergangsklassen usw. durchgeführt. Themen sind Stoffkunde und Infos zu den Hintergründen von Suchtentstehung. Unsere migrantischen Mitarbeiter(inn)en führen Veranstaltungen in Vereinen, religiösen Einrichtungen usw. durch. Darüber hinaus haben wir eine Reihe von Infobroschüren zur Drogenproblematik in Russisch, Türkisch, Italienisch, Griechisch und Spanisch entwickelt. Im Rahmen des erwähnten Modellprojektes des BMG werden wir zudem Internetforen für junge Menschen in russischer, türkischer und italienischer Sprache einrichten.

Welche besonderen Strukturen zeichnen türkische bzw. russische Familien aus? Inwieweit wirken sich diese Strukturen positiv bzw. negativ auf die Bewältigung einer innerfamiliären Suchtproblematik aus?

Unsere Erfahrung zeigt, dass hier keine Pauschalisierungen vorgenommen werden können. Es kommt immer darauf an, aus welcher Schicht die Betroffenen stammen und um welche Einwanderungsgeneration es sich handelt. Bei russischsprachigen Menschen ist auch entscheidend, ob sie aus eher ländlichen oder städtischen Gebieten kommen. Jüdische Migrant(inn)en stammen überwiegend aus Städten und haben oft einen höheren Bildungsgrad, Spätaussiedler(inn)en dagegen vor allem aus dem ländlichen Raum Mittelasiens.
Allgemein sind die Familienverbände und der Zusammenhalt bei türkischen und russischen Familien größer. Sucht wird meist nicht als Krankheit definiert, sondern eher als Schande begriffen. Charakteristisch ist auch, dass meist die Mütter in Erscheinung treten. Während die Väter zu Radikallösungen neigen, tendieren die Mütter eher zur Koabhängigkeit.

Was sind die zentralen Unterschiede zwischen dem deutschen Hilfesystem und den Angeboten in den Herkunftsländern der Migrant(inn)en?

In der Türkei gibt es fast keine mit westlichen Verhältnissen vergleichbaren Therapiemöglichkeiten bzw. Einrichtungen. Es gibt lediglich Entgiftungsbehandlungen mit angeschlossener psychosozialer Betreuung. In Russland entsteht erst allmählich ein Suchthilfesystem, das noch nicht existierte, als die Menschen ihre Heimat verließen. Die meisten russischsprachigen Menschen haben daher weder Kenntnis von den russischen, noch von den deutschen Suchthilfesystemen.

Welche speziellen Präventionsangebote wären nötig, um den Einstieg in die Sucht bei jugendlichen Migrant(inn)en zu verhindern?

Es sollte ein gutes und fundiertes Wissen zu Substanzen und ihren Wirkungsweisen geschaffen werden. Dabei sollte auch auf Mythen zu bestimmen Drogen und zu Sucht allgemein eingegangen werden. Mit der Prävention sollte so früh wie möglich begonnen werden. Prinzipiell gilt es, Kinder und Jugendliche durch eine aktive, spannende Freizeitgestaltung in ihrer Persönlichkeit zu stärken, damit sie mit gutem Wissen und Gewissen nein zu Drogen sagen können. Dabei sollte die gesellschaftliche Gesamtsituation mitgedacht werden, die momentan Jugendlichen sehr wenig Zukunftszuversicht vermitteln kann.

Welche Rolle spielen hierbei das Internet und multimediale Anwendungen?

Zweifelsohne gewinnt das Internet auch in der Suchtprävention immer mehr an Bedeutung und Einfluss. Suchtprävention, die spielerisch, unterhaltsam und vor allem ohne erhobenen Zeigefinger über die neuen Medien vermittelt wird, kommt dem Mediennutzungsverhalten jugendlicher Migrant(inn)en sehr entgegen. Anstatt sich in Büchern oder Infobroschüren zum Thema zu informieren, greifen die Jugendlichen oft eher auf das Internet zurück. Zudem sind das Internet und interaktive Präventionsmedien eine sinnvolle Maßnahme, um Hemmschwellen und Berührungsängste abzubauen, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Dies gilt insbesondere für ältere Jugendliche und Eltern mit Migrationshintergrund, die keine deutsche Schule besucht haben und Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache haben. Spezielle muttersprachliche Angebote erleichtern ihnen entscheidend den Zugang zur Thematik.

 


Über mudra

Der inhaltliche Schwerpunkt des Vereins mudra - Alternative Jugend- und Drogenhilfe e.V. liegt in der Arbeit mit Drogenkonsument(inn)en in Nürnberg. Das Tätigkeitsspektrum umfasst ein breites Angebot von Streetwork, weiteren niedrigschwelligen Kontaktmöglichkeiten, über Prävention, Beratung, Betreuung und Substitutionsbegleitung, bis hin zu therapeutischen Hilfen, Beschäftigungs- /Qualifizierungsprojekten und Nachsorge.
Einen Schwerpunkt der mudra-Tätigkeit bildet die spezifische Arbeit mit Migrant(inn)en mit orientalischer Herkunft und aus der GUS. Es wurden migrant(inn)enspezifische Anlaufstellen eröffnet und jeweilige Beratungsangebote in der jeweiligen Muttersprache geschaffen. Außerdem wurde eine spezielle Therapieeinrichtung für drogenabhängige Männer orientalischer Herkunft aufgebaut

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