Keine Macht den Drogen - Aktiv gegen Sucht und Gewalt
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Sucht- und Gewaltprävention

Wenn die Kindheit immer kürzer wird

Die Pubertät hat sich im Laufe der letzten beiden Jahrhunderte - unter anderem aufgrund verbesserter Ernährungs- und Umweltbedingungen - hormonell um fast fünf Jahre nach vorne verlagert. Sie beginnt bei Mädchen im Durchschnitt mit 11,5 Jahren, bei Jungen im Alter von 12,5 Jahren. Den Kindern läuft die Zeit davon, erwachsen zu werden.

Die Grenzen zwischen den eigentlichen Lebensphasen Kindheit, Jugend, und Erwachsenenalter schwinden immer mehr. Und das bei völlig veränderten Rahmenbedingungen: unklare Zukunftsperspektiven, schlechtere soziale und wirtschaftliche Bedingungen, abnehmende Chancengleichheit etc. Viele Kinder und Jugendliche fühlen sich überfordert, leiden unter Leistungsdruck und ungesundem Stress. Vor diesem Hintergrund bieten Rauschmittel eine scheinbare Entlastung vom Alltag.

  • Schätzungsweise 20 Prozent der Kinder im Grundschulalter bekommen heutzutage leichtfertig nach elterlichem Vorbild schon bei geringfügigen körperlichen Beschwerden Medikamente zur Entspannung oder Anregung und Leistungssteigerung.(Quelle: Hurrelmann/Bründel, 2003)
  • 25.700 Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 20 Jahren wurden 2008 aufgrund einer Alkoholvergiftung stationär im Krankenhaus behandelt. Besondere Sorge bereiten die Kinder im Alter von 10 bis 15 Jahren. Hier stieg die Anzahl der Alkoholvergiftungen um 19 Prozent auf 4.500. (Quelle: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 2010)
  • Das durchschnittliche Einstiegsalter beim Cannabiskonsum sinkt stetig und liegt heute bei 14 bis 15 Jahren. Etwa fünf Prozent aller Jugendlichen gelten als abhängig von Haschisch oder Marihuana bzw. betreiben einen Missbrauch. (Quelle: Thomasius, 2008)
  • Bei 40 Prozent aller jugendlichen Gewalttaten in Bayern sind Täter und /oder Opfer alkoholisiert bzw. stehen unter Drogeneinfluss. (Quelle: Polizeipräsidium München, 2008)

Mit einem frühen Konsumeinstieg ist die hohe Wahrscheinlichkeit verbunden, dass ein missbräuchliches Konsummuster über den ganzen weiteren Lebensweg aufrechterhalten wird. Aus diesem Grund müssen präventive Maßnahmen schon früh im Kindesalter ansetzen.

Kinder und Jugendliche brauchen zur Herausbildung einer eigenen positiven Identität Zuwendung, Bestätigung und Engagement. Erfolgreiche präventive Maßnahmen müssen unter Berücksichtigung der Lebensumwelt von Kindern und Jugendlichen entwickelt und optimiert werden. Sie müssen die Heranwachsenden dort erreichen, wo sie leben: in Schule und Ausbildung, Familie und Freizeit.

Unsere modernen präventiven Maßnahmen berücksichtigen den Wunsch der Kinder und Jugendlichen nach Entdecken, Experimentieren und Abenteuern. Sie bieten Freiräume zum Selbsterleben und Mitgestalten und ermöglichen Kindern und Jugendlichen intensive positive Lernerfahrungen. Sie stärken Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl, fördern Kommunikations- und Konfliktfähigkeit und bieten so eine positive Unterstützung in der jugendspezifischen Identitätssuche.

Die Kinder und Jugendlichen erhalten auf diesem Weg vielfältige Anregungen zur sinnerfüllten, aktiven und selbstbestimmten Lebensgestaltung. Das sind wichtige Voraussetzungen, damit Rauschmittel gar nicht erst als begehrenswert empfunden werden.

Zum Thema Sucht und Abhängigkeit finden Sie hier einen Sketch der Kabarettgruppe Präventuum Mobile .

Sucht und Gewalt: Ursachen und Erklärungsansätze

Suchtstörungen sind in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Sie sind nicht nur bei Menschen am Rande der Gesellschaft zu finden, sondern auch bei Mitgliedern aller Schichten. So sind heutzutage Suchtstörungen in Europa, Australien und Nordamerika eine der häufigsten psychischen Störungen.

Der Missbrauch von Tabak, Alkohol, Cannabis und anderen Drogen - aber auch stoffungebundenen Süchte (z. B. Spielsucht, Kaufsucht etc.) entstehen nicht plötzlich. Das Risiko einer Entstehung von Sucht hängt von verschiedenen Faktoren ab:

  • Genetische Prädisposition
  • Verhaltensstörungen: aggressives und dissoziales Verhalten, emotionale Probleme
  • Geringes Selbstwertgefühl
  • Schulische Probleme
  • Ablehnung durch Gleichaltrige
  • (Inner-)familiäre Konflikte
  • Scheidung der Eltern
  • Alkohol- und Drogenmissbrauch der Eltern
  • Geringe Schul- und Berufsausbildung der Eltern
  • Finanzielle Probleme
  • Negatives Wohnumfeld
  • Verfügbarkeit von Alkohol und Drogen

Niemals wird ein einziger Faktor allein verantwortlich sein. Es findet sich vielmehr eine sogenannte „Ergänzungsreihe", in der genetische, gesellschaftliche, soziale und familiäre Faktoren ebenso wie das Erziehungsverhalten, Schule und Peergroup zusammenwirken.

Prävention kann nur funktionieren, wenn sie beachtet, dass die Heranwachsenden erwachsen sein wollen, sich schon früh an den Modellen in ihrer Umgebung, in den Medien und in der Werbung orientieren, weil bloße Verbote Sehnsüchte nach „verbotenen Früchten" wecken und weil sie wegen ihres zunehmend komplexeren Lebens den Einsatz psychoaktiver Substanzen erproben wollen. Hinzu kommen eine zunehmende Vorverlagerung der biologischen Reifung bei vielen Jugendlichen und der damit verbundene Drang, erwachsene Lebensweisen möglichst früh zu übernehmen.

Mit Beginn der Pubertät - zwischen dem 11. und 13. Lebensjahr - wird die Ablösung der Jugendlichen von den Eltern eingeleitet. In dieser Entwicklungsphase gilt es, wichtige Entwicklungsaufgaben zu bewältigen, um die Anforderungen an die Erwachsenen erfüllen zu können:

  • Ablösung von den Eltern
  • Entwicklung eigener Normen und Werte
  • Entwicklung von Zukunftsperspektiven und beruflichen Perspektiven
  • Entwicklung des Selbst
  • Sammeln und Verarbeiten erster intimer und sexueller Erfahrungen
  • Auseinandersetzung mit dem eigenen, sich verändernden Körper
  • Aufbau eines Freundeskreises mit vertieften Beziehungen zu Gleichaltrigen
  • Definition und Ausfüllung der eigenen Geschlechterrolle
  • Entwicklung von Vorstellungen über Partnerschaft/Familie

Als Motive für Rauschmittelkonsum ergeben sich daraus nach Palentien und Hurrelmann, 1999:

  • Der demonstrativen Vorwegnahme des Erwachsenenalters
  • Einer bewussten Verletzung von elterlichen Kontrollvorstellungen
  • Einem Ausdrucksmittel für sozialen Protest und gesellschaftlicher Wertekritik
  • Einer Möglichkeit, bei der Suche nach grenzüberschreitenden, bewusstseinserweiternden Erfahrungen
  • Einer Zugänglichkeit zu Freundesgruppen
  • Einer Teilhabe an subkulturellen Lebensstilen
  • Einer Hilfe bei der Lösung von frustrierenden Erfahrungen
  • Einer Notfallreaktion auf heftige psychische und soziale Entwicklungsstörungen

Experimentierverhalten > häufiger Gebrauch > schädlicher Gebrauch > Abhängigkeitssyndrom

Vor dem Hintergrund verschiedener Studienbefunde wird diskutiert, ob nicht eine kausale Verbindung zwischen Substanzmissbrauch und Aggression vorliegt, sondern vielmehr beiden Störungsbereichen ähnliche Risikobedingungen (z. B. Temperamentsfaktoren, genetische Prädispositionen, elterliches Erziehungsverhalten etc.) zugrunde liegen.

Zur Erklärung dieser Verknüpfung werden unterschiedliche Mechanismen im Entwicklungsverlauf diskutiert, die sich einerseits auf aggressives Verhalten (z. B. gegenüber Menschen oder Tieren, Zerstörung von Eigentum, Betrug und Diebstahl, schwere Regelverstöße) als Risikofaktor für einen Substanzmissbrauch sowie auf gemeinsame, beiden Störungen zugrunde liegenden Risikobedingungen beziehen, andererseits auf das unmittelbar gemeinsame Auftreten beider Phänomene (z. B. gewalttätiges Verhalten unter Alkoholeinfluss) oder auf aggressives Verhalten infolge des regelmäßigen Substanzkonsums und -missbrauchs.

Dabei ist auffällig, dass gewalttätiges Verhalten (im Zusammenhang mit Straftaten) und Substanzeinfluss vorwiegend bei männlichen Jugendlichen und Heranwachsenden auftritt.

Sucht- und Gewaltprävention ist eine gesellschaftliche Gemeinschaftsaufgabe:

  • Bessere Lebensbedingungen für Familien
  • Berufsperspektiven für Jugendliche
  • Lebenswertere und nicht überwiegend vom Kommerz geprägte Arbeits-, Lern-, Wohn- und Freizeitbedingungen
  • Werbeverbote, Preiserhöhungen, Zugangsbeschränkungen und Verbraucherschutz (besonders bei Alltagsdrogen)

Kinder und Jugendliche über die Gefahren von Alltagsdrogen und illegalen Drogen zu informieren, reicht alleine nicht aus. Aber ergänzt durch Lebenskompetenztrainings besteht durchaus die Möglichkeit, den Beginn des Substanzkonsums hinauszuzögern und bei einigen Jugendlichen sogar zu verhindern.

Sucht geht mich nix an

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